Nati Lühr - Vita

Nati in 2018, genau 5 Jahre nach dem Schlaganfall
Nati in 2018, genau 5 Jahre nach dem Schlaganfall

Native Art - Nati Art

Native Art - was ist das? "Nativ" bedeutet im Deutschen "angeboren, natürlich, ursprünglich". Es bedeutet auch "heimisch, einheimisch" und "direkt". "Native Kunst" ist also ursprünglich - im Gegensatz zu "erworben".

"Nati Art" ist auch ein Wortspiel mit "Nati", dem Rufnamen der Künstlerin Renate Lühr - und steht gleichzeitig für die bildende Kunst, die von Nati schöpferisch in Farben und Formen als Kunstmalerin produziert wird. Ohne je eine künstlerische Ausbildung gehabt zu haben, ohne je ein tiefer gehendes künstlerisches Wissen erworben zu haben, begann sie erst im Alter von 55 Jahren im Februar 2014 tatsächlich "von heute auf morgen" mit der Malerei.

Es hat "Klick" gemacht

"Es hat Klick gemacht, ganz plötzlich, ich mußte es einfach tun. Ich mußte mich einfach hinsetzen, nahm einen Stapel Blätter, nahm einen Bleistift, und ich fing an zu malen. Es dauerte nur wenige Stunden, schon war das erste Bild fertig: Ein Frauenkopf. Mit Frauenköpfen fing ich an. Meist malte ich die Augen zuerst. Ich weiß nicht warum; es kam einfach so. Ich mußte das tun, ich malte und male wie in Trance, so, als sei ich das nicht selbst, so als würden meine Hände und meine Gedanken geführt."

Nati in 2011, vor dem Schlaganfall
Nati in 2011, vor dem Schlaganfall

Zunächst entstehen einfache Skizzen auf einfachen 100g-Briefbögen, Zeichnungen mit dem Bleistift, schnell entworfen, jede Stunde ein neues, jede Stunde ein weiteres. Andere Gesichter, andere Blicke, andere Bildaufteilungen. Oft bis zu acht Skizzen am Stück. Schon wenige Tage später folgt die Verwendung von Buntstiften, dann von Ölkreide, dann von Kohlestiften. Die Gesichter erhalten immer andere Betonungen, farblich, von der Mimik, Hüte, Haare und Accessoires kommen mit ins Bild. Die Zeichnungen werden bunter, bleiben aber immer ausdrucksstark, man spürt die Intuition; nichts ist geplant oder Kalkül. "Wenn ich ein Bild anfange, dann weiß ich noch nicht, was ich male. Ich beginne einfach und laß mich führen, bin dabei selbst überrascht, wohin die Reise geht."

Mixed Media on Canvas - Mischtechniken auf Leinwand

Nati in 2013, nach dem Schlaganfall in der Reha
Nati in 2013, nach dem Schlaganfall in der Reha

Die Reise geht schnell weiter. Schon nach wenigen Wochen nimmt Nati sich einige der Skizzen vor, um sich von ihnen inspirieren zu lassen für ihre ersten Bilder auf größeren Papierformaten mit geeigneter Papierstärke. Die Wasserfarbtechnik wird ausprobiert, Goldtöne bringen ersten Glanz hinein. Leinwände werden gekauft und zunächst mit Bleistift und Kohle bemalt, um dann mit noch stärkeren Acrylfarben akzentuiert und ergänzt zu werden.

Zu diesem Zeitpunkt kennt noch niemand ihre Bilder. Nach nicht einmal 2 Monaten sind bereits über 150 Skizzen, Zeichnungen und Originale auf Leinwand entstanden. Die ersten Bilder werden eingescannt oder abfotografiert und bei Facebook präsentiert. Die Resonanz ist überraschend; zahlreiche Kommentare kunstinteressierter Laien sprechen von "großer Kunst", ungläubig fragen viele, wie es möglich sei, daß Bilder solcher Faszination und Ausdruckskraft ohne ein Kunststudium, ohne ein langes Üben entstanden sein können - und wie solche Ergebnisse überhaupt möglich seien innerhalb von nur 8 Wochen seit Beginn van Nati's Malerei. Gleichzeitig folgen Empfehlungen, unbedingt diese Bilder schon sehr bald der Öffentlichkeit zu zeigen, diese unbedingt in Ausstellungen zu zeigen. Es sind nicht einmal 10 Wochen seit den ersten Bleistiftstrichen vergangen, da kommen die ersten Anfragen, ob und wo man diese Bilder kaufen kann.

Am 25. April 2014 entsteht diese Website. Hier soll nun eine erste Werkschau der NATI ART entstehen; sortiert nach Skizzen, Zeichnungen und Originalen. Auch die Produktion von Kunstdrucken in limitierter Auflage ist angedacht. Doch das steht noch im Hintergrund: Nati malt weiter, sitzt wieder am Tisch, manchmal schon vormittags, meist aber von nachmittags bis nachts um drei. Demnächst soll eine Staffelei her, die Farben und Leinwände gehen immer wieder zur Neige, nicht aber die Freude und die Lust am Malen. Und so geht es mit Elan weiter, so wie die Kraft es zuläßt. Und wie lange das noch geht, weiß auch Nati selbst nicht: "Es kann jeden Tag vorbei sein. Ich weiß nicht, ob mein Talent anhält. Denn es kam so plötzlich, dass es mich selbst wundert. Vielleicht kann ich das morgen nicht mehr. Weil mein Kopf nicht mehr mitmacht, weil meine Hände nicht mehr mitmachen. Ich weiß das nicht, aber ich möchte noch so lange es geht malen - und soviel ich kann. Es macht mir eine Riesenfreude!"

Morgen schon alles vorbei?

Nati als 16-Jährige
Nati als 16-Jährige

An manchen Tagen steht Nati vor einem Stapel ihrer Werke und wundert sich selbst über diese Menge. Beim Durchblättern kann sie sich manchmal nicht mehr sofort erinnern, dieses oder jenes Bild gemalt zu haben. Ihr Erstaunen und die Freude darüber sind dann jedesmal aufs Neue groß. "Ich weiß nicht, wieviel Zeit ich noch habe." Lange hält sie sich dann nicht mit diesen Gedanken auf. Nati hatte vor weniger als 1 Jahr, am 10. Mai 2013, einen Schlaganfall mit dramatischen Folgen. Heute ist die linke Kleinhirnhälfte komplett zerstört, irreparabel; sie ist schwerbehindert und geht in der Wohnung am Rollator. Die Ärzte sprechen von einem Wunder darüber, daß sie überhaupt noch am Leben ist, daß sie diese schwersten inneren Verletzungen überhaupt überstanden hat. Sie sprechen von einem Wunder darüber, daß sie trotz der Behinderung noch sprechen, einigermaßen gerade gehen und auch den Haushalt noch ohne dauerhafte fremde Hilfe bewältigen kann. Denn dem CT-Röntgenbild zufolge müßte sie eigentlich ein Pflegefall sein.

"Ich male, ich lebe, ich will leben, ich will malen!" Als hätte es den Schlaganfall nie gegeben, blüht Nati beim Malen auf, verausgabt sich mitunter bis zur Erschöpfung, macht einen Tag Pause, schläft 12 Stunden am Stück durch, macht dann weiter. Nimmt 70 Tabletten pro Woche zu sich, hat seit dem Schlaganfall hohen Blutdruck, muß seitdem täglich Insulin spritzen und spürt dennoch, wie anfällig und schwach sie doch geworden ist. Mitunter verspürt sie ein Rauschen im Kopf, manchmal einen stechenden Schmerz "wie von einem Messer von innen nach außen", und ihre vererbte Arthrose an den Händen macht zunehmend zu schaffen. Das Zeichnen ist für Nati eine größere Anstrengung als für Gesunde. Hinzu kommt noch eine Einschränkung des Sehvermögens; sie hat eine Art Röhrenblick, kann nur geradeaus etwas erkennen, nichts aber, was seitlich ist. Wenn sie auf einer Strasse geradeaus schaut, sieht sie das Ende der Strasse, aber keine Häuser auf beiden Seiten.

"Ich darf mich nicht mehr aufregen"

Die kleinste Aufregung könnte zu einem nicht mehr beherrschbaren erneuten Blutdruckanstieg führen. Die Wunde im Kleinhirn ist noch da, wird nie ganz verheilen. Noch einmal eine Aufregung - und weitere Teile des Kleinhirns sind dann betroffen. Dann würde sie entweder sofort sterben, oder sie wäre endgültig ein Pflegefall, könnte womöglich nicht mehr sprechen, sehen, hören oder schlucken. Mit einer Patientenverfügung hat sie bestimmt, daß sie unter solchen Umständen keine lebensverlängernden Maßnahmen wünscht. "Dann schaltet die Geräte ab und freut Euch über meine Bilder!"

Die Folgen des Schlaganfalls werden jeden Tag spürbarer; die Einschränkungen nehmen schmerzhaft zu. Die Motorik beim Gehen, das Nicht-mehr-kontrollieren-können eines gleichmäßigen Gangs führt zu Fehlbelastungen der Gelenke an anderer Stelle. In der Öffentlichkeit spürt sie die Blicke der anderen. Einige sind unmenschlich verächtlich, andere mitleidig. Doch "Mitleid will ich nicht. Ich will kein Mitleid. Ich will nicht, daß andere denken, ich könne nichts. Das mag ich nicht. Ich will ganz normal respektiert werden, als Mensch."

"Hätte ich denn meinen Schlaganfall früher kriegen sollen?"

Nati Lühr 2013

Die Frage, ob sie denn nicht denn besser schon Jahrzehnte früher mit dem Malen beginnen sollen, beantwortet Nati lakonisch trocken: "Ja, hätte ich denn meinen Schlaganfall schon früher kriegen sollen? Vielleicht habe ich das gebraucht, damit es klick in meinem Kopf gemacht hat, um malen zu können. Ich glaube, jemand da oben wollte noch nicht, daß ich schon gehe. Und hat gesagt, Du hast noch eine Aufgabe zu erfüllen. Hat mich zurück geschickt aus der Röhre des Lichts. Ich sah mich schon über mir schweben." Bei dieser Nahtoderfahrung wußte Nati nicht, welche Aufgabe das sein könnte, sie wußte an jenem Abend des Schlaganfalls nichts mehr, am 10. Mai 2013, als sie fast bewußtlos in der Badewanne lag, der ärztliche Bereitschaftsdienst gerufen wurde, der den Schlaganfall nicht erkannte, aber ihr Leben durch ein blutdrucksenkendes Notfallmedikament ein erstes Mal rettete, als sie mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht wurde, wo man den Schlaganfall ebenfalls nicht erkannte und somit auch nicht behandelte, in das Krankenhaus, welches sie nach ein paar Tagen mit der Empfehlung entließ, sie möge zur Abklärung ihres Schwindels doch einen Psychiater oder Neurologen aufsuchen. Nach 4 Tagen wurde sie dann von ihrer Tochter, einer ausgebildeten Arzthelferin, auf der Station abgeholt, Sie erschrak, ihre Mutter mit knallrotem Kopf so torkeln zu sehen. Statt nach Hause fuhr sie mit dem Auto direkt zur nahe gelegenen Praxis der hausärztlichen Internistin, weil Nati nicht mehr richtig laufen konnte. Sie möge doch mal einen Blick auf ihre Mutter werfen.

Die Hausärztin erschrak ebenfalls; sie erkannte den Schlaganfall und die dramatische Situation selbst ohne medizinische Gerätetechnik auf Anhieb: "Ihre Mutter hat unübersehbar einen Schlaganfall ! Fahren Sie mit Ihrer Mutter sofort in das St. Katharinen-Krankenhaus in Frankfurt-Bornheim, das geht schneller, als wenn wir jetzt erst noch einen Rettungswagen rufen! Wir dürfen keine Zeit verlieren! Ich kündige Ihr Eintreffen sofort telefonisch an!" Keine 10 Minuten später war Nati in einem endlich kompetenten Krankenhaus mit einer Stroke Unit. Hier kam sie sofort in die Notaufnahme, danach lag sie zweimal auf der Intensivstation; bereits am Folgetag platzte der Blutpropf im Kopf und zerstörte die komplette linke Hälfte des Kleinhirns. Das alles unter den Augen der Fachärzte, denn wegen des Blutdruckalarms wurde Natis Kopf  zur CT (Computertomographie) geschoben. Die Ärzte verfolgten die Zerstörung live am Monitor und konnten dennoch nichts mehr machen. Es war zu spät für eine Thrombolyse. Die hätte im ersten Krankenhaus stattfinden müssen, binnen 3 Stunden nach dem Schlaganfall. Die Lyse hätte den Blutpropf aufgelöst - und bleibende Schäden wären verhindert worden. Unfähige Ärzte haben es vermasselt. Wäre sie nicht in das zweite Krankenhaus gekommen, wäre sie wahrscheinlich noch am Tag der Entlassung aus dem ersten Krankenhaus, spätestens aber als das Hirn einblutete, verstorben.

Selbstvergessen. Native Art.

Als Nati nach einem anschließend mehrwöchigem Reha-Aufenthalt nach Hause kam, wußte sie nicht mehr, wer sie war, welche Angehörigen sie hat, wo sie wohnte, was sie gerne isst. Sie wußte nicht einmal mehr, was eine Schublade ist. Und erst allmählich erinnerte sie sich, daß sie 55 Jahre alt und verheiratet ist und drei erwachsene Töchter hat. Nach Monaten kam die Erinnerung an andere Verwandte und an ihren Geburtsort. Doch zuunehmend vergißt sie wieder vieles, kennt nicht mehr die bereits gemaltene Bilder, an vielen Tagen sind auch Details aus der Vergangenheit nicht mehr zugänglich. Der Zustand bleibt äußerst fragil. Ärzte warnen vor jeder geringsten Aufregung, da ein unvermeidbar damit verbundener erneuter Blutdruckanstieg einen erneuten Schlaganfall wahrscheinlich macht, mit möglichen Folgen des Todes oder einer Schwerstbehinderung als kompletter Pflegefall.

Heute wird sie wieder malen. Ganz bestimmt. Selbstvergessen. Native Art. Solange es geht.

Autor: Uli Lühr (9. April 2014)

Nachtrag:

10. Mai 2014:
Seit dem Schlaganfall ist heute genau 1 Jahr vergangen. Nati feiert das heute wie einen Geburtstag: Denn den Schlaganfall hat sie immerhin überlebt. anders als viele Schlaganfallpatienten, die ins Koma fallen oder sterben. Ein Jahr nach einem Schlaganfall leben nur noch 60 % der Patienten, davon sind 2/3 auf fremde Hilfe angewiesen. 15 % von ihnen müssen dauerhaft in Pflegeeinrichtungen versorgt werden. Da hatte Nati noch Glück im Unglück, auch wenn sie ihre Werbeagentur nicht mehr führen kann. Diese Aufgabe soll nun ihr Ehemann übernehmen, der sie nun zuhause unterstützt, wo es nur geht. Ärzte sprechen unabhängig von einander von einem Wunder, dass sie überhaupt noch sprechen und sich selbst bewegen kann - angesichts des großen Ausmasses der Hirnschäden.

Nati malt wieder eine Serie von Bildern: Train training heads. Diesesmal Zeichnungen von Köpfen mit Lokomotiven und Gleisen.

30. August 2014:
Nachdem ihr Gesundheitszustand sich über Monate laufend verschlechtert hat, pausiert nun die Malerei öfter. Der Erschöpfungszustand, die pulsierend stechenden Wahnsinnskopfschmerzen und schwere Depressionen nehmen zu. Nati wird nach einem erneuten Zusammenbruch und einem epileptischen Anfall mit Bewußtlosigkeit wieder mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht, dort notärztlich behandelt und erhält dort eine Lyse.

Die Entlassung erfolgt eine Woche später. Die akute Notsituation ist zwar beseitigt, die Medikationen werden auf täglich 12 Gaben erhöht - das sind 84 pro Woche, doch eine Verbesserung ist nicht mehr zu erwarten. Das ist seit dem irreparablen Ausfall von mehr als der Hälfte des Kleinhirns definitiv nicht mehr möglich. Weitere Erinnerungsverluste machen sich drastisch bemerkbar. Immer wieder vergißt sie ihre Wohnadresse sowie Namen und Geburtstage ihrer 3 Töchter. Auch im Haushalt häuft sich die Vergesslichkeit. Antrag auf Anerkennung der Schwerbehinderung wird derzeit gestellt. Nati spürt, dass ihre Zeit nur noch sehr begrenzt ist. "Das bisschen Leben", welches noch da ist, kostet ihre ganze Kraft. Und diese Kraft erschöpft sich immer mehr. Nati äußert das immer häufiger, und auch, dass sie bald nicht mehr kämpfen will. Und nicht mehr kann.

Nati Lühr

Nati hatte zwar auch diesesmal wieder Glück im Unglück: Sie hat auch diesen Schlaganfall überlebt. Doch ein weiterer ist aus ärztlicher Sicht und Erfahrung jederzeit möglich, statistisch sogar wahrscheinlich. Der könnte nicht mehr so glimpflich ausgehen. Mit fatalen Folgen: Dann wrd Natis Vita enden.

März 2015:
Zunehmende Kopf- und Gelenkschmerzen sowie Einschränkungen und Steuerungsmöglichkeiten der Bewegungsfähigkeit sind weitere Folgen des erlittenen Kleinhirndefekts. Nati hat lustlos mehrere Monate künstlerisch pausiert; körperliche Erschöpfungszustände sind an der Tagesordnung. In dieser Zeit hat Nati nach einer Ernährungsumstellung über 40kg abgenommen. Die erst nach dem Schlaganfall eingetretene Zuckerkrankheit ist besiegt; Nati muss kein Insulin mehr spritzen und braucht keine diesbezüglichen Medikamente mehr einzunehmen. Doch vermutlich als Folge nicht ausreichender Abdeckung des Halsbereichs bei den zahlreichen radioaktiv belastenden Hirnuntersuchungen mit den CT-Geräten sind Strahlenschäden, hormonelle Veränderungen im Schilddrüsenbereich aufgetreten. Extremes Frieren, extremes Schwitzen und Appetitlosigkeit sind in schnellem Wechsel an der Tagesordnung. Unangenehme Nebenwirkungen neu benötigter anderer Medikamente machen sich bemerkbar; sie wirken nur teilweise.

April 2015:
Tagelange schwere Depressionen stellen sich ein. Nati wird zunehmend bewußter, wie sehr sie in allen früheren Fähigkeiten eingeschränkt ist. "Ich würde gerne wieder arbeiten." Und dann, für alle schockierend: "Meine Bilder bedeuten mir nichts mehr. Ich brauche sie nicht mehr. Ich brauche nur Ruhe." Die Tage, an denen sie glücklich ist, noch zu leben, an denen sie vor Lebensfreude strahlt, werden seltener. Beschimpfungen und abfällige Bemerkungen anderer machen sie sehr traurig, z.B. wenn sie, gestützt auf ihren Rollator, eine Strasse für einen Autofahrer nicht schnell genug überqueren kann. Und ob sie morgens schon besoffen sei, so wie sie geht. Das tut sehr weh.

Nati räumt auf. Binnen eines Tages leert und sortiert sie alles im Keller Abgestellte, erstmals seit sieben Jahren, durchsucht die Wohnung nach Dingen, die sie nicht mehr benötigt, darunter Gegenstände, die lange nicht mehr benutzt wurden, bringt das Meiste zum Müll. "Ich habe das Gefühl, ich muss mein Haus bestellen. Ich muss aufräumen. Ich habe das Gefühl, ich habe nicht mehr viel Zeit." Nati spricht davon, wie sie beerdigt werden möchte und wie sie auf dem Totenbett geschminkt sein will.

19. April 2015
Nati malt wieder. Ein neues Bild ist entstanden, etwas anders als alle bisherigen.

15. September 2016
Seit nun über einem Jahr malt Nati nicht mehr. Sie wüßte nicht, was und warum sie malen soll. "Ich habe keinen Drang dazu, ich weiß nicht, was ich malen soll." Ist die kreative Malphase vorbei ? Vielleicht würde sie wieder beginnen, wenn jemand diese Bilder sehen möchte. Wenn es eine Ausstellung davon gäbe. "Das würde mich schon freuen." Inzwischen hat Nati an Gewicht zugenommen; seit Ende 2015 muss sie nun viermal täglich Insulin spritzen; immer wieder hat sie leichte epileptische Anfälle, wenn auch nur kurz, wobei sich ihre Augen für Sekunden verdrehen. Dann sind die Schmerzen im Kopf sofort wieder präsent. Das Hessische Amt für Versorgung und Soziales hat ihre Schwerbehinderung mit 70% bestätigt; eine Nachprüfung findet gerade statt, um auch die Einschränkungen wegen der Insulinspritzen zu berücksichtigen.

22. November 2016
Das Hessische Amt für Versorgung und Soziales hat Natis Schwerbehinderung mit nun 100% und dem Merkmal "G" (gehbehindert) neu festgesetzt. Nati hat zunehmend Schmerzen beim Gehen, die unkontrollierbaren Bewegungen der einen Körperhälfte schädigen immer mehr die zuvor gesunden Gelenke. Die Erschöpfung ist nun alltäglich. Nati kann selbst mit einem Rollator nur noch kurze Strecken gehen. Im Haushalt bleibt Vieles liegen. Für das Öffnen von Verpackungen und Flaschen benötigt sie häufig Hilfe. Manches lässt sie fallen, auch Geschirr. Auch der komplette Weihnachtsbaumglasschmuck, darunter zahlreiche alte mundgeblasene Familienerbstücke, fand sein Ende in hunderten Glasscherben auf dem Boden der Kellertreppe.

2. Februar 2017
Nati ist im Treppenhaus gestürzt, wo sie mehrere Minuten bewußtlos lag. Zum Glück wurde der Kopf nicht erneut geschädigt, aber Prellungen und riesige Blutergüsse am ganzen Körper und ein ausgekugelter abstehender Finger, den Nati intuitiv sofort selbst wieder richtete, bereiten zusätzlich Schmerzen. Nati hängt nicht mehr an ihren Bildern und spricht noch häufiger vom bevorstehenden Tod. Schwere Depressionen, Erschöpfung, Müdigkeit und Mutlosigkeit prägen den Alltag.

19. Mai 2018
Der Schlaganfall ist nun auf den Tag fünf Jahre her. Nati hat ihn bis jetzt überlebt. Äußerlich ist er ihr nur beim Gehen anzumerken. Sie hat wieder Tritt gefasst, wieder Lebenslust zurück gewonnen - trotz der Behinderungen, die sie im Alltag begleiten. Trotz eines weiteres Sturzes in der Wohnung, wo sie wieder kurz das Bewußtsein verlor und hart mit dem Gesicht aufschlug. Inzwischen wurde Pflegestufe 2 anerkannt. Der Schwerbehindertenausweis hat nun auch das Merkzeichen "B" (Begleitperson erforderlich - situativ bedingt). Ob sie wieder malen wird ? Sie weiß es noch nicht.